Aktuelle Ausstellung

Wichtiger Hinweis

Die aktuelle Ausstellung in der Buchhandlung am Obertor in Radolfzell ist bis zum

31. Mai 2019


verlängert worden

Impressionen zur Vernissage am 15. März 2019

Auszüge aus der Eröffnungsrede zur Vernissage von Siegmund Kopitzki, Kulturjournalist, Konstanz.
 
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Mit der Bilder- und Künstlerwelt hatte sie schon als Buchhändlerin,  Lektorin und Herstellerin sowie – am Ende ihrer Laufbahn – als Verlagsleiterin zu tun gehabt. Ihre Rolle war – zeitbedingt – überwiegend die der Kunst-Rezipientin. Seit sie sich von der Verlagsarbeit verabschiedet  hat, steht der kreative Prozess an erster Stelle. Insofern ist Sibylle Gross eine junge Künstlerin. Aber auch eine erfahrene Autodidaktin.
Dass Sie mit der Kunstgeschichte, insbesondere mit der Kunst der Moderne vertraut ist, das weiß ich aus vielen Gesprächen. Doch ihr tiefes Interesse für Kunst ist auch ihrem Werk eigen, das wir hier nur in einem Ausschnitt zu sehen bekommen. Am auffälligsten zeigt sich das  zunächst in dem Objektkasten „Leergut“, der sechs mit erdigen, ja warmen Farben beschichtete „Flaschenhälse“ aus Wellpappe enthält. Eine plastische Arbeit, die auch als Stillleben gelesen werden kann. Das Objekt strahlt eine beruhigende Aura aus. Es steht für sich. Es ist autonom und ehrlich. Es hat im Sinne von Richter „etwas Eigenes“. Und doch verbirgt sich hinter diesem Objekt, in dem die Künstlerin auch mit Flächigkeit, Räumlichkeit und mit Schatten experimentiert, noch etwas Anderes – ein Subtext. Sibylle Gross spielt mit ihrem „Leergut“ auf einen der bedeutendsten Stilllebenmaler der Moderne an: Giorgio Morandi, ein Vertreter der kubistischen und futuristischen Strömung sowie der Pittura metafisica.
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Diese Künstlerin versteht sich als Bewahrerin – und arbeitet daher auch mit Müll oder mit recycelten Stoffen wie Nägeln, Glas oder Schnüren. In „Leergut“ verwendet sie gebrauchtes Verpackungsmaterial; in den Objektkästen „Blau-Weiss I-VI“ – transformiert sie so genannte Styrochips und Schaumstoff in ästhetische Objekte. Sie kontextualisiert die industriellen Produkte neu, verformt und verfremdet sie, und kombiniert oder fusioniert sie mit anderen Materialien. In diesem Fall mit einem Holzkasten, dem sie ein Blau aus dem Jardin Majorelle in Marrakesch verpasst. Es ist das strahlendste, tiefste, taumelerzeugendste Blau, das es außerhalb der Natur gibt. – 
Ich frage mich auch, ob dieses Blau das Kobalt-Blau ist, das der französische „neue Realist“ Yves Klein in den 1950er-Jahren für seine monochromen Bilder verwendet hat. So gesehen wäre auch diese „Objekt-Arbeit“ von Sibylle Gross im Subtext ein Kunst-Zitat. Ein so originelles, wie originäres.  Dass viele Künstler mit „Fundstücken“ arbeiten,  sich als Sammler und Bewahrer sehen, versteht sich von selbst – ich denke hier zum Beispiel an den Radolfzeller „Archaiker“ Alexander Weinmann. 
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Die Bilder von Sibylle Gross sind „gegenstandslos“ – was nicht gleichzusetzen ist mit inhaltslos bzw. inhaltsleer. In ihrer expressiven Malerei, die dem All-Over-Prinzip folgt, feiert die Abstraktion Triumphe, das Informell. Dass dieser Stil, der im Werk von Kandinsky einen ersten Höhepunkt erlangte, mehr als nur eine Fußnote der Kunstgeschichte ist, möchte ich nur am Rande erwähnen.  
Sibylle Gross geht in ihrer Malerei aufs Ganze. Sie ringt spürbar mit Farben und Räumen. Das ist ihr eigentliches Narrativ. Mitunter gebärdet sich das Bild sehr lebendig, so als atme es tief durch. Die Farbräume geraten zu überraschenden Lichträumen, die mit geheimnisvollen Schattenzonen im Wettbewerb stehen. In manchen dieser Abstraktionen lacht die Sonne. Sie scheinen von der unernsten Leichtigkeit sphärischer Klänge beseelt zu sein. Bisweilen lassen sie einen jubeln.
Pinsel und Spachtel sind ihre Instrumente. Sie erlauben diese freie Fahrt. Der kritische und selbstkritische Blick auf das Werk ist dagegen die Instanz, die am Ende darüber entscheidet, ob die unzähligen Übermalungen und Überspachtelungen ein stimmiges Ganzes  ergeben – und somit freundlich aus dem Atelier in die Öffentlichkeit entlassen werden können. 
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Siegmund Kopitzki, Konstanz